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Rosas Heft

Volkslieder? Das war einmal. Romantiker waren es, die vor zwei Jahrhunderten das deutsche Volkslied entdeckt, gesammelt und das Repertoire zuweilen kunstvoll um Lieder im Volkston erweitert haben, und Liedertafeln und Gesangvereine  haben das Liedgut gepflegt und verbreitet. Aber dann kamen Zeiten, die nicht nur dem Volkslied arg zusetzten, weil sie das Volkstümliche für lange Zeit in Verruf brachten. Die Lieder selbst kann man dafür gar nicht verantwortlich machen, und Menschen aus sangesfreudigeren Weltgegenden wundern sich, warum in Deutschland alte Volksweisen fast nie gesungen werden. Obwohl sie doch manchmal eigentlich ganz hübsch sind.


Natürlich sind die Lieder in den Hintergrund gerückt, aber sie sind nicht verschwunden. Sie blieben in der Welt, nur eben etwas am Rande, wo sie sich eine Generation lang von ihrer Benutzung in finsteren Zeiten erholen konnten. Und wer weiß, vielleicht kommen gerade wieder andere Zeiten. Einige Jazz-Musiker – die, wie man schon öfter erleben konnte, oft Vorboten neuer Entwicklungen sind – haben sich mit Volksmusik zu beschäftigen begonnen. Natürlich haben sie aus den Liedern etwas Anderes gemacht, haben sie rhythmisch, harmonisch und melodisch gegen den Strich gebürstet und gewissermaßen in einen anderen Garten verpflanzt – immerhin so, dass man immer noch erkennen konnte, woher das kam.


Zu denen, die sich über die Abwesenheit deutscher Volkslieder im Lande ihrer Herkunft gewundert haben, gehört auch Dago Schelin. Er ist, als Nachfahre deutscher Auswanderer, in Brasilen geboren und lebt seit einigen Jahren wieder in Deutschland. Unter den deutschen Auswanderern vergangener Zeiten sind alte Lieder zuweilen viel lebendiger geblieben als hierzulande. Dago Schelin zum Beispiel ist im Besitz eines Heftes, in dem seine Urgroßmutter handgeschriebene Erinnerungen gesammelt hat, zu denen auch Lieder gehörten. Dago Schelin hat diese Lieder seiner eigenen Geschichte angepasst. Und die ist deutsch-brasilianisch.


Er hat eine Band zusammengestellt, die ein wunderbares Stilgefühl für diese freundlich Übernahme aufbringt: Die Musiker wahren einen volkstümlichen Ton, der aber kein deutscher ist; sie bleiben zurückhaltend und kunstvoll, aber übertreiben es weder mit der Zurückhaltung noch mit der Kunst. Eine schöne und sehr lebendige Mischung entsteht dabei. Die Melodien sind heilig und werden daher völlig intakt gelassen. Die Harmonien dagegen wählen oft eine andere Sprache. Und aus den deutschen Dreier- und Vierertakten sind lateinische Rhythmen geworden, bei denen sich die Taktschwerpunkte schon mal verschieben dürfen. Auch die Klangfarben sind kaum wiederzuerkennen, und wenn es mehrstimmig wird, klingt es trotzdem nie nach Gesangverein. Es ist eine unverkennbar brasilianische Musiktradition, in der diese unverkennbar deutschen Lieder wie neu eingekleidet erscheinen. So kann  man sie mit neuen Ohren hören. Und muss sich eine neue Gangart überlegen, wenn man mit den Kindern zu dem Lied „Ich gehe mit meiner Laterne“ durch den Abend gehen will.
 



Diesen Artikel haben wir am Montag, 29. Februar 2016 in unseren Katalog aufgenommen.

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